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Der Teppich der jungvermählten Frauen in der Kirche von Nemajūnai Lesen

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Auf der linken Seite des Hauptaltars in der Kirche St. Peter und Paul befindet sich hinter den mit Glasmalereien ausgestatteten Türen die Marienkapelle, geschmückt mit einem Gemälde der Barmherzigen Mutter Gottes. Die in Öl auf Satin gefertigte Arbeit des Akademiemitglieds Rafalavičius (Rafalovičius) ist eine Kopie des Gemäldes im Tor der Morgenröte. Es stellt auf blauem Barchent eine bronzene und vergoldete Maria mit zwei Kronen, 12 Sternen und 43 Strahlen dar. 1886 wurde es von Mataušas Rukas der Kirche gespendet.

In der Kapelle befindet sich auch ein Exemplar litauischer Volkskunst aus dem 19. Jh.: ein aus 64 Schärpen jungvermählter Frauen zusammengeknüpfter Teppich. Da in keine der Schärpen ein Datum eingewebt wurde, ist eine genauere Altersbestimmung nur schwer möglich.
Der in der Kirche von Nemajūnai aufbewahrte Teppich ist von allen in Litauen bekannten der größte. Es wird erzählt, dass eine junge Ehefrau aus dem Dorf Nemajūnai an ihrem Hochzeitstag dem Pfarrer eine mit selbst ausgesuchten volkstümlichen Ornamenten bunt geschmückte Schärpe zum Geschenk machte. Der Gedanke, dem Pfarrer eine Schärpe zu schenken ist wahrscheinlich am Polterabend entstanden, und sollte bewirken, dass Gott der zukünftigen Familie gnädig gestimmt sei. Ihrem Beispiel folgten später andere Mädchen und allmählich wurde daraus eine Tradition. Über einen langen Zeitraum sammelte sich eine große Zahl solcher Schärpen an, und damit sie nicht verloren gingen, entschieden die Frauen aus der Gemeinde, sie zusammenzunähen.

Zu verschiedenen Anlässen wurde der Teppich der jungvermählten Frauen an unterschiedlichen Plätzen in der Kirche ausgebreitet. Vor Weihnachen neben der Krippe, vor Ostern neben dem Christus-Sarg, zu Ablassfesten, bei Hochzeiten und Taufen neben dem Hauptaltar. Der Teppich misst 4 m in der Länge und in der Breite 3 m.

1988 wurde der Teppich in das Museum von Vilkija ausgeführt. Arūnas Sniečkus, Direktor des damals noch in Entstehung begriffenen A. und J. Juška Museums der Ethnokultur war auf der Suche nach neuen Exponaten auch nach Nemajūnai geraten. Eine in der Kirche arbeitende Frau zeigte gutwillig den an Altertümern interessierten Herren die Schätze auf dem Dachboden der Kirche. Der aus gesammelten Schärpen gefertigte Teppich ließ dem Museumsdirektor keine Ruhe. Er holte die benötigten Unterschriften ein und kehrte unverzüglich nach Nemajūnai zurück. Der damalige Priester der Kirche, Juoasa Linius, erklärte sich einverstanden, den Teppich für ein Jahr auszuborgen. Als die vereinbarte Zeit abgelaufen war, brachte Arūnas Sniečkus den Teppich, bat aber darum, dass er ihn noch eine Zeitlang ausstellen dürfte, da der Teppich eine positive Energie ausstrahlte, beruhigend wirkte und nicht wenige Besucher anlockte. Nach A. Sniečkus' Behauptung würden Mädchen, die sich eine Weile neben dem Teppich aufgehalten hatten, schneller einen Bräutigam finden. Darüber hinaus sei der mit keinerlei Chemikalien behandelte Teppich resistent gegen Ungeziefer und Feuerbefall. Der Priester ließ sich von den Bitten des Museumsdirektors erweichen und so blieb der Teppich noch über zehn Jahre im A. und J. Juška Museum der Ethnokultur. In Vilkija erlebte der Teppich der jungvermählten Frauen eine Renaissance – aus dem ganzen Land strömten die Menschen herbei, um ihn anzusehen, später auch, um in den Genuss seiner heilenden Kräfte zu kommen.

Eines Tages jedoch begannen die Nemajūner ihren Schatz zu vermissen. Soweit wäre es vielleicht nicht gekommen, wenn nicht in der Presse ein Artikel über dieses Stück Folklorekunst  aus dem 19. Jh. erschienen wäre.  Die Gemeindemitglieder begannen den Pfarrer zu fragen, wohin dieser mit Wunderkräften ausgestattete Teppich verschwunden war. Dem Pfarrer gelang es erst nach dem 4. Einschreiben mit dem Museumsdirektor A. Sniečkus ein Treffen zu vereinbaren. Gutwillig versprach dieser den Teppich zurückzugeben und entschuldigte sich, ihn solange bei sich behalten zu haben.

Später kamen Vorschläge, diesen einzigartigen Teppich im Sakralmuseum Birštonai auszustellen, damit ihn noch mehr Menschen besichtigen könnten. Man entschied sich aber dafür, ihn in der Kirche von Nemajūnai zu belassen, dort, wo seine Ursprünge sind.

In Litauen sind einige Folklorekunstwerke dieser Art bekannt. Im Nationalmuseum wird ein aus sechs Schärpen unterschiedlicher Größe gefertigter Teppich beherbergt. Die Schärpenteppiche und -läufer wurden von den Ethnologen nicht gesondert erforscht. Denkbar ist, dass es sich um eine Art von Handarbeit handelt, die besonders verbreitet in Suvalkija war. Manchmal wird ihre Verwendung genannt. So war  z.B. ein aus 30 Schärpen zusammengenähter Läufer für den Kutschbock bestimmt. Ein Läufer, der aus sechs eigens gewebten Schärpen gefertigt war, wurde an der Wand über dem Bett aufgehängt. Andere Läufer aus der Gegend von Šakiai vom Ende des 19. Jh. sind aus 17 bzw. 21 Schärpen zusammengenäht.

Die Farben der Läufer sind vielfältig und bunt: grün, rot, kirschfarben, violett. Der Grund ist weißes oder schwarzes Leinen.

Die Schärpen gehören zu den ältesten und am Weitesten verbreiteten buntfarbigen Webarbeiten litauischer Volkskunst. Die gewebten Schärpen wurden zu Knäueln gebunden und verwahrt in Truhen, die die Aussteuer enthielten. Das Verschenken von Schärpen steht mit unterschiedlichen Volksbräuchen in Verbindung. Von Alters her werden sie für Glückssymbole oder Zeichen von Dankbarkeit  und Anhänglichkeit gehalten. Die junge Ehefrau erkaufte sich mit der Schärpe ihren Weg in das "unbekannte" Land.  Ehemals war es auch ein teures Geschenk: ein Mädchen schenkte es seinem Freund, bei Hochzeiten schenkten es die Brautjungfern den Brautführern.

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